Kriechkeit

Zu dem kleinen blauen Haus gehört auch ein Keller. Wie dort um die vorletzte Jahrhundertwende üblich und noch bis in die Nachkriegsjahre gängige Praxis, befindet sich der Keller nicht unter, sondern neben dem Haus. Knapp bis drei Meter unter die Erde reichend ist das „Loch“ sommers wie winters angenehm temperiert – mal kühl, mal sicher frostfrei.

Da im Obstgarten des Blauen Hauses früher Äpfel produziert wurden, ist der Keller sehr stabil und geräumig. Im Ostpreußischen hießen diese Keller früher „Kriechkeit“, vermutlich, weil man nur leicht gebückt hinein kommt.

Wie ich später erfuhr, hat der Keller zu Kriegszeiten auch als Wohnung gedient. Etwas, was man sich heutzutage kaum noch vorstellen kann.

Auch der Kellereingang wurde bereits im ersten Winter, noch vor der endgültigen Unterzeichnung des Kaufvertrages, repariert:

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Bist Du wahnsinnig?

Der Hauskauf war per Handschlag im August besiegelt – aber der offizielle notarielle Teil würde noch Monate auf sich warten lassen. Zum Notarstermin musste ich persönlich vor Ort sein, und aus beruflichen Gründen war das erst im Mai des darauffolgenden Jahres möglich.
Aus Sicht des ukrainischen Geschäftspartners nicht einmal so unpassend, galt es doch zum Einen, erst einmal das Grundstück neu vermessen zu lassen und die bürokratischen Schritte einzuleiten. Zu meiner großen Überraschung mahlen bürokratische Mühlen in der Ukraine offenbar noch viel langsamer als in Deutschland…
Andererseits bestand am Haus und den Gebäuden eindeutig dringender Handlungsbedarf. Das eingestürzte Scheunendach sprach eine eindeutige Sprache und undichte Dachfirste im Haus und Sommerhaus hatten schon zu morschen Balken und Feuchtigkeit geführt. Für ein Holzhaus fatal, ein weiterer ungeschützter Winter erschien mir inakzeptabel.
Eine Verhandlungsauflage von mir an den Verkäufer war deshalb eine sofortige Sicherung der Dachfirste gegen weitere Feuchtigkeit.
Und dann nahm ich einen nicht unbeträchtlichen Geldbetrag in die Hand und gab ihn meinem ukrainischen Gewährsmann mit dem Auftrag, noch vor dem Winter das Scheunendach zu reparieren.
„Ja, BIST DU DENN WAHNSINNIG!“ schallte es mir aus dem deutschen Freundes- und Familienkreis entgegen, „es gehört doch noch gar nicht Dir! Nachher ist das Dach repariert, das Geld weg und aus dem Verkauf wird nichts!“
Ich gebe zu, der Gedanke kam mir. Aber ich war bereit, hier eine große Menge Vorschussvertrauen zu investieren.
Andersherum ging es dem Verkäufer ja schließlich ganz ähnlich: wer garantierte ihm denn, dass die verrückte Deutsche in einem guten halben Jahr überhaupt wieder auftauchte??

Und so kam es, dass die Scheune im schwebenden Erwerbsverfahren ein neues Dach bekam. Aus wirtschaftlichen Gründen kein Satteldach, wie vor dem Einsturz, sondern ein einfacher zu bauendes Pultdach.

Und getreu unserer Absprache sicherte der Verkäufer die Dachfirste gegen weitere Unbill von oben.

 

Und so geschah es…

Und zwar an einem sonnigen Augustwochenende. Flirrende Hitze umfing uns, und ein Land empfing uns, in dem keiner von uns jemals gewesen war. Merkwürdig…da war man schon in Asien und Amerika, aber in den wilden Osten Europas hatte sich noch niemand von uns vorgewagt.
Es tat gar nicht weh, auch wenn die martialisch militärisch gekleideten Zollbeamten am Flughafen wohl bei Höchststrafe unhöflich und lächelfrei bleiben mussten. Umso herzlicher der Empfang durch unseren ukrainischen Gewährsmann, der uns auf teilweise höchst abenteuerlichen Straßen von Lembergs Flughafen in den ländlich abgeschiedenen Westen des Landes brachte.

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Das Land im Westen der Ukraine ist weit, der Himmel endlos.
Es sind andere, kleine Dinge, die dem Beobachter aus dem reichen Westen auffallen:

Und dann galt es schließlich, das blaue Objekt der Begierde zu besichtigen.
Abgeschossen und in deutlich vernachlässigtem Zustand stand es da. Das Scheunendach eingestürzt, die Dächer aller Gebäude undicht, die Fundamentbalken verrottet und wurmstichig. Und dennoch…es hatte einen ganz eigenen Zauber. Eine kühle, klare Atmosphäre im Inneren, eine betörende Ruhe.
Die gedolmetschten Gespräche mit dem Verkäufer wurden intensiver. Die Sanierungsaufgaben wuchsen bedrohlich – andererseits war das regionale Preisgefüge machbar. Sanierung in drei grossen Etappen, verteilt auf drei Jahre. Machbar…

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Der Kauf wurde an diesem sonnigen Augustwochenende per Handschlag und mit dem besten selbstgebrannten Aprikosenwodka, den ich je getrunken habe, besiegelt.

Wie alles begann…

Ja, wie begann es eigentlich?

Es begann, wie so viele Dinge, indem man sich auf neue Dinge einlässt. Ein Gespräch mit einem Bekannten aus der Ukraine, der mit glänzenden Augen von seinem unverfälschten Leben zuhause sprach und der wiederum mir zuhörte, wie ich von einem einfachen Häuschen auf dem Lande träumte.

„So etwas gibt es auch bei uns, das nächste Mal bringe ich Dir Bilder mit!“

Ich nickte es ab, wie man viele Dinge, die gesagt und nur allzu oft vergessen werden, eben abnickt. Dieses war keines davon, und einige Monate später sah ich es auf Fotos zum ersten Mal.

Das Kleine Blaue Haus.

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Ich kann nicht genau sagen, was mich damals so anzog. Sicherlich zum Einen das geradezu archaisch Einfache, das dieses kleine blaue, vernachlässigte Häuschen ausstrahlte: Stolz, Handwerkerstolz, Schutz, eine kleine blaue Trutzburg in einer anderen Welt. Schau, mehr brauchst Du gar nicht als mich, schien es zu murmeln, wie es da so unter den gerade aufblühenden Apfelbäumchen stand.

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Kein Wasser, kein Badezimmer, antiquierte Stromversorgung, desolate Dächer … die meisten ordentlichen Deutschen hätten wohl dankend abgewunken. Aber aus dem Bauch heraus hatte ich mich spontanverliebt.
„Wir fliegen im Sommer hin zum Anschauen!“
Und das taten wir.

Ein eigenes Webtagebuch für das Kleine Blaue Haus

Das Kleine Blaue Haus ist ein Projekt, das nicht mehr ganz neu ist.

Es ist ein einfaches kleines Bauernhaus in einem winzigen Dorf im Westen der Ukraine und seit etwa zwei Jahren wahlweise ein geliebtes Refugium oder eine mit großen Augen bestaunte Dauerbaustelle.

Neu ist aber die Idee, seine Geschichte in Form eines Webtagebuches öffentlich zu machen. Ich werde hier nach und nach erzählen, was bisher geschah – und natürlich, wie es weitergeht.

Ich freue mich über Kommentare und Mitleser und werde mich bemühen, Fragen, soweit es geht, zu beantworten.